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Parkdorf Mulang

Ein kleiner Pavillon mit rotem Dach, weißen Wänden und roten Säulen steht auf einer Rasenfläche, umgeben von Bäumen und sich kreuzenden Wegen.

Exkurs: Kolonialismus

Das „Anderssein“, also die Wahrnehmung von Unterschieden zwischen sich und fremden Menschen, ist eine uralte menschliche Empfindung. Im Gegensatz hierzu steht der „Exotismus“, als eine neuere Vorstellung, die von der Begeisterung für bestimmte Länder, Völker oder Zivilisationen geprägt wird. Die Andersartigkeit des „Exotischen“ rief Irritationen hervor, war aber gleichzeitig auch anziehend und verführte zum Staunen, kurzum, „Exotisches“ weckte Neugierde bei den Herrschern Europas. Asien, der muslimische Osten, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien waren im 17. Jahrhundert Regionen und Kulturen, die als rätselhaft und faszinierend zugleich galten. Diese vermeintliche „Exotik“ nährte jene Stereotypen, die das Bild des Anderen prägten und trugen so dazu bei, kollektive Vorstellungen zu konstruieren, aber auch koloniale Ideen zu legitimieren. Dabei ist es keineswegs eine abwertende oder geringschätzige Sicht auf das Fremde, sondern gerade auch die Zuweisung positiver Werte, die Anziehungskraft der Verschiedenheit und die Wahrnehmung einer anfänglichen Distanz und deren Überschreitung in der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, die eine hierarchische Auffassung bergen. Das „Wir“ als Träger der Zivilisation, wird dem „Anderen“ gegenübergestellt. Unabhängig davon, welcher Ansatz gewählt wird, spielt es zumeist keine Rolle, was der „Andere“, der Vertreter des sogenannten „Exotischen“, von dieser Stigmatisierung hält. Diese Gegensätzlichkeit ebnete den Weg für einen großen kolonialen Vorstoß seitens der europäischen Metropolen.

Die Herstellung „fremder“ Architektur oder Einrichtung exotischer Gärten war Teil der Wissensproduktion, die im 18. Jahrhundert durch das Zusammenwirken mehrerer politischer, sozialer und wirtschaftlicher Faktoren ihren Höhepunkt fand. Das Interesse am „Fremden“ bildete die Grundlage. Es verband letztlich die Wunderkammern, die Ende des 16. Jahrhunderts an den großen europäischen Höfen – auch in Kassel – entstanden waren, mit den exotischen Dörfern des 18. Jahrhunderts. Der Drang zur Neugier, die Faszination für die Exotik und die Leidenschaft für Besitztum blühten in der Frühen Neuzeit in ganz Europa auf und ließen Phänomene wie zum Beispiel zoologische Gärten oder rekonstruierte exotische Dörfer entstehen. Der Rückgriff auf eine wiederhergestellte naive Natürlichkeit spiegelte den tiefen Wunsch und die Fantasien europäischer Herrscher, zu einer vermeintlich unverstellten Natur zurückzukehren. Er zeugte von der Sehnsucht, das in Europa Verlorene wiederzufinden und einen Idealzustand anderswo zu suchen. Die Inszenierung exotischer Flora und Fauna war ein Zeichen von Modernität, Rang und Weltläufigkeit der Herrscher, um ihre Gäste zu beeindrucken. Aus dieser Leidenschaft für die Pflanzen- und Tierwelt und aus dem visuellen Genuss der Exotik entwickelte sich jedoch mit der Zeit eine neue Tendenz, auch Menschen in diese Vorstellungswelt einzubeziehen und sie „auszustellen“. Diese Ausstellungsformen waren nicht einheitlich und variierten je nach Inspiration und Geschmack des Herrschers. Rekonstruierte Dörfer, Wandertruppen, Zirkusse und Menagerien begannen in der ganzen westlichen Welt zu gedeihen, insbesondere in der Schweiz, in Großbritannien, Frankreich und Deutschland.  Die Beispiele reichen vom brasilianischen Dorf in Rouen und den inszenierten vierzig „Tupi-Indianern“ für König Heinrich II. und seine Frau im Jahr 1550 über die „Leibschwarzen“ und „Kammerzwerge“ von Herzog Wilhelm V. von Bayern bis zu den exotischen Dörfern, die im 18. Jahrhundert an zahlreichen europäischen Höfen entstanden. Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel sehnte sich nach Exotik und wollte mit seinem „chinesischen Dorf“ eine Miniaturwelt anderer Kulturen errichten, aber auch einen Raum der Homogenisierung und Begegnung mit dem „Anderen“ schaffen. Auch wenn es seine Absicht war, „fremden“ Kulturen zu huldigen und seine Initiative eine Form der Anerkennung der Differenz ohne Abwertung darstellte, birgt sie eine Trennung und einen Aspekt der Distanzierung, der eine unsichtbare, aber greifbare Grenze zwischen dem „Sie“ und dem „Wir“ herstellte. Selbst wenn die Wirkung dieses Distanzierungsmechanismus im Dorf Mulang als gering gilt – da das Interesse auf die Architektur und die Symbole des „Anderen“ zum Zweck der Geschichtserzählung gerichtet war, spiegelte die Inszenierung schwarzer Arbeiter*innen eine hierarchische und ethnozentrische Logik wider.

Solche Inszenierungen dienten nicht nur dazu, die Vielfalt der Welt zu zeigen, sondern auch dazu, Vorstellungen vom „Eigenen“ und „Anderen“ zu formen und zu hinterfragen. Sie zeigten das Spannungsfeld zwischen Faszination, Aneignung und Repräsentation, das die europäische Kultur des 18. Jahrhunderts prägte. Exotische Dörfer waren somit Teil einer Entwicklung, in der das Bild des „Anderen“ zunehmend romantisiert oder verfremdet dargestellt wurde – eine Tendenz, die in späteren Jahrhunderten auch in kolonialen und rassistischen Deutungsmustern fortwirkte.

Im 18. Jahrhundert lebten und arbeiteten viele schwarze Menschen als Bedienstete in Kassel, da sie von den Offizieren Hessen-Kassels während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges mitgebracht oder nach Kassel geschickt wurden. Wie viele Schwarze im chinesischen Dorf lebten und arbeiteten, lässt sich nur schwer bestimmen. Es ist jedoch belegt, dass drei schwarze Frauen, Betty (e) Johnson, Hanne und Catharina, in der Laiterie (Meierei) und bei der Windmühle arbeiteten und eine Vergütung erhielten. Über ihre Arbeitsbedingungen liegen nur sehr wenige Informationen vor, außer dass sie in Kostümen arbeiten mussten, um dem Dorf einen „exotischen“ Zauber und einen „morgenländlichen“ Anstrich zu verleihen. Trotz einer gewissen sozialen Absicherung dürften diese schwarzen Menschen aufgrund ihres „Andersseins“ unter Einsamkeit, Minderwertigkeit und Unterdrückung und unter ernährungsbedingten Anpassungsproblemen gelitten haben. Abgesehen davon, dass die im chinesischen Dorf lebenden Menschen als Anschauungsobjekte dienten, um die Exotik der Anlage zu betonen, wird vermutet, dass einige von ihnen später auch in wissenschaftliche Studien einbezogen wurden. So wird ein möglicher Zusammenhang zwischen den anatomischen Untersuchungen Samuel Thomas Soemmerings (1755–1830) und den Bewohner*innen des Dorfes diskutiert. Nach Berichten seines Biographen Rudolf Wagner habe Soemmering anatomische Vergleiche an den Körpern von Menschen nicht-europäischer Herkunft vorgenommen, um Unterschiede zur europäischen Physis zu untersuchen – eine Praxis, die der anthropologischen Forschung des 18. Jahrhunderts entsprach, deren Motive und Methoden jedoch aus heutiger Sicht kritisch zu betrachten sind.

Unabhängig davon, wo die Grenze zwischen gesichertem Wissen und Vermutung verläuft, zeigt die Darstellung „exotischer“ Menschen in dieser Zeit ein hierarchisches Denken, das nicht allein auf Hautfarbe, sondern auch auf Stand, Herkunft und gesellschaftlicher Zugehörigkeit beruhte. Diese Form der Objektivierung – sei sie kolonial, sozial oder wissenschaftlich motiviert – verdeutlicht, wie stark die damalige Wahrnehmung von „Fremdheit“ und „Unterschied“ von den Machtstrukturen und Wissensordnungen ihrer Zeit geprägt war.

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